Quelle: Stylekicker.de

Stylekicker trifft Jason Lee

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Fashion

Welche Trikots die hummel Teams FC St. Pauli, Karlsruher SC oder Greuther Fürth in der nächsten Saison tragen werden, weiß Jason Lee schon heute. Wir hatten vor einigen Wochen die Gelegenheit, im Hamburger Headquarter mit dem Teamsport-Chefdesigner bei hummel und Marc-Nicolai Pfeifer (Head of Sports Marketing bei hummel) über selbstironische Jerseys, Modelle in Gecko-Grün und Auswärtsfahrten nach Dresden zu sprechen.

Hallo Jason, erinnerst du dich an deinen ersten Kontakt mit einem Trikot?

Jason: Mein Vater war Architekt und stark von der Bauhaus-Bewegung inspiriert. Wenn meine Eltern in Europa Urlaub machten, flogen sie immer nur nach Deutschland – in meiner Kindheit hatte ich also hauptsächlich deutsche Brands um mich, wie Grundig, Braun, BMW oder deutsche Sportartikel-Hersteller. Das erste Trikot, an das ich mich bewusst erinnere und das ich sehr gerne mochte, war das damalige Heim-Trikot von Frankreich. Es war einfach unglaublich, hatte drei Streifen und war im Inneren blau. Vom Design war das schon sehr reduziert, aber darüber denkt man als Kind natürlich nicht nach. Heute kann ich mich sowohl für cleane Trikots als auch für Designs mit Detailreichtum begeistern. Ein Entwurf, der zu elementar daherkommt, sieht manchmal so aus, als hätte man sich nicht genug Gedanken darüber gemacht…

Marc-Nicolai: Jason ist sehr kreativ und deshalb kommt es ihm entgegen, wenn es rund um den Club einen “Melting Pot” mit Geschichten und Erinnerungen gibt, bei St. Pauli ist das zum Beispiel der soziale und politische Background. In dieser Saison sind wir mit dem Trikot des KSC extrem erfolgreich, das an den 120-jährigen Geburtstag des Clubs angelehnt ist. Dafür hat Jason ein eigenes Logo mit einem goldenen Lorbeerkranz und einem Typeface aus 1894 kreiert, das sogar die Fans übernommen haben. Während es in Stuttgart große Diskussionen um die Einführung eines neuen, oder vielmehr um die Rückkehr zum alten Logo gab, haben wir mit hummel gewissermaßen ein neues Vereinslogo für ein Jahr eingeführt – und der Club hat das dankbar angenommen. Prinzipiell gilt: Tradition liegt immer in der Vergangenheit, die man nicht mehr beeinflussen oder verändern kann – das beschränkt uns dann etwas in der Gestaltung. Deshalb ist es bei Clubs mit Geschichte und Tradition wie dem KSC oder Fürth etwas schwieriger. Die Füchse orientieren sich – im Vergleich dazu – eher in Richtung der Zukunft.

Jason: Mein persönliches Ziel ist es, Trikots zu gestalten, die ikonisch sind – wie die Designs, die man cool fand, als man aufgewachsen ist. Das bezieht sich nicht nur auf die Gestaltung, sondern auch auf den sozialen Bezug. Wir leben heute in einer Zeit, in der Trikots durchaus auch mal einen politischen Bezug haben oder eine Geschichte erzählen können.

Was sind deine erste Überlegungen, deine ersten Schritte, wenn du dich mit einem Trikot für die kommende Saison beschäftigst?

Jason: Man startet immer bei Null, mit einem leeren Blatt Papier. Der Entwurf sollte dem Trikot der vergangenen Saison nicht zu ähnlich sein, denn obwohl ich Designer bin, muss ich letztlich ein Trikot gestalten, das auch die Fans annehmen und das auf dem Verkaufsmarkt funktioniert. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Design – wir machen ein Business und wollen das Potential in jeder Hinsicht maximieren. Zuallererst besuche ich die Stadt, wir treffen uns mit dem Club, ich nehme erste Ideen der Verantwortlichen auf, denn sie kennen den Verein besser als ich das jemals können werde, das muss ich respektieren. Am allerwichtigsten sind für mich aber die Fans, da gibt es natürlich immer positives und negatives Feedback.

Marc-Nicolai: Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Designer in die Welt eines Clubs eingetaucht ist und seine DNA aufgesaugt hat, wie Jason das tut. Andere würden nicht unbedingt zum Auswärtsspiel mit St. Pauli nach Dresden oder Aue fahren, aber er hat sich in den Auswärtsblock gestellt, um die Atmosphäre zu spüren und die Fans bei Choreos zu unterstützen. Strategisch versucht hummel, seine Leitwerte mit denen der Clubs zu verschmelzen, und Jason tut dasselbe beim Sammeln von Input für die Jerseys. Hier sehe ich den größten Unterschied zwischen uns und anderen Brands, und Jason spielt dabei eine entscheidende Rolle: Für ihn besteht der Club nicht nur aus dem Präsidenten und dem Vorstand, sondern auch aus den Fans, von den Ultras bis zur VIP-Loge.

Jason: In der VIP-Loge hänge ich aber nie ab! (lacht)

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Wäre es denn eine größere Herausforderung, ein Trikot für einen Club zu designen, der gerade erst gegründet wurde?

Jason: Nein – solange sie eine starke Corporate Identity und ein klares Ziel für die Gestaltung haben, ist das kein Problem. Die Füchse Berlin zum Beispiel begannen als „Reinickendorfer Füchse“ und haben sich in der Zwischenzeit natürlich ziemlich verändert. Es war aber genauso schwierig – oder einfach –, das Design für sie zu machen.

Wie verhält es sich mit der Farbpalette? In der Auswahl bist du vermutlich limitiert wegen der offiziellen Club-Farben, oder?

Jason: Nicht zwangsläufig, nein. Karlsruhe zum Beispiel hatte ein drittes Trikot in Gecko-Grün – und ich bin mir sicher, die Fans hatten ihre ganz eigene Meinung dazu… Wenn eine komplett neue Farbe auf den Markt kommt – das gilt auch für Fürth und das dritte Trikot in orange –, scheint das auf den ersten Blick nicht zu passen, aber das Trikot wächst letztlich in den Club hinein und irgendwann wird eben zur zusätzlichen Farbe. Das wird man auch bei den St. Pauli-Trikots in der nächsten Saison sehen…

Was bedeutet den Spielern das Trikot-Design?

Jason: Für die Spieler ist die Funktionalität am wichtigsten, das ist klar. Solange wir das berücksichtigen – und das tun wir –, haben wir hier Handlungsspielraum. Natürlich sollen die Spieler sich wohlfühlen, auch in punkto Design, das beeinflusst sie auf dem Feld mit Sicherheit. Ein Trikot, das wie ein Clown daherkommt, ist vermutlich keine gute Idee, denn dann würden die Spieler sich nicht ernstnehmen, von den Gegenspielern mal ganz zu schweigen.

hummel-Trikots sind für kleine Gadgets und Gimmicks bekannt, das St. Pauli-Trikot mit glow-in-the-dark-Effekt hat für ein großes Medienecho gesorgt. Sind das eher Spielerein für dich selbst oder in erster Linie eine Geschichte für Pressemitteilungen und den Fanshop?

Jason: Gimmicks sind das nicht, aber sie stehen – im konkreten Fall von St. Pauli zum Beispiel – für Selbstironie, denn das ist ein wichtiger Bestandteil der Club-DNA. Natürlich lasse ich mich da auch von aktueller Streetfashion inspirieren und vom Zeitgeist. Trikots können und sollten von Streetwear beeinflusst sein.

Wie hat sich die Trikot-Gestaltung innerhalb der letzten zehn Jahre verändert?

Jason: Trends kommen und gehen. In den letzten zehn Jahren verlief die Evolution von strikten Linien zur gestalterischen Reduktion; heute sehen Trikots wieder eher wie in den 70ern oder 80ern aus, sie sind cleaner, aber mit vielen Details aufgewertet. Ich schätze, die nähere Zukunft bringt wieder mehr Technologie ins Spiel.

Hast du denn einen All-Time-Favoriten, was Trikots angeht?

Jason: Frankreich bei der EM 2004 – das erste Trikot, das Performance-Elemente integriert hatte. Und das deutsche Torwart-Trikot von adidas aus dem Jahr 1991, getragen von Bodo Ilgner, mit diesem absolut verrückten Grafik-Print. Was meine eigenen Entwürfe angeht: Das erste Mal, dass ich dachte, das ist etwas Außergewöhnliches, war ein orangenes Trikot mit Camouflage-Optik von Olympique Marseille, das ich 2007 für adida entworfen habe. In meiner Zeit bei hummel ist es vermutlich das Third Kit der Füchse Berlin – das Pattern selbst stammt nicht von mir, aber die Idee der Übertragung.

Quelle: Stylekicker.de

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Hast du konkrete Beispiele von Trikot-Designs, die nicht funktionieren?

Jason: Spontan fällt mir ein Trikot ein – aber dessen Designer ist ein Freund von mir (lacht)… Nun gut: Newcastle United hatte vor ein paar Jahren ein gelb-lastiges Trikot, man nannte es das “banana kit”. Ansonsten gibt’s einige Grafik-Trikots, die ich so nicht unbedingt tragen würde – dazu gehören übrigens auch Entwürfe von mir, auf die ich nicht unbedingt stolz bin (lacht).

Wie weit bist du jetzt, im November 2014, bei der Vorbereitung für das Karlsruhe-Trikot für die nächste Saison?

Jason: Ich kann noch nicht so viel verraten – aber grundsätzlich muss das Design beim KSC etwas klassischer daherkommen als bei St. Pauli oder den Füchsen Berlin, was mit der Geschichte des Clubs zusammenhängt. Ich habe meinen Entwurf praktisch fertig und zeige ihn demnächst den Club-Verantwortlichen, die hoffentlich ihr OK geben werden. Die Herausforderung ist, ein Kit zu kreieren, das genauso gut oder noch besser ist als das aktuelle – denn die aktuellen Trikots sind wirklich beliebt. Das nächste Jersey wird mehr Elemente der Stadt aufgreifen und versteckte Details besitzen, die man aus der Ferne nicht unbedingt entdecken kann. Ein Fan, der das Trikot in der Hand hält, soll eine andere Verbindung dazu aufbauen wie ein TV-Zuschauer.