“Das Trikot ist zum Modeprodukt geworden”

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Fashion

Der Weltpokalsiegerbesieger trägt hummel: STYLEKICKER hat sich mit St. Pauli-Teammanager Christian Bönig über das gewisse Lebensgefühl, die “boys in white” und das wichtigste Merch-Produkt unterhalten – und nach dem Trikot der nächsten Saison gefragt…

Christian Bönig, Sie sind als Teammanager beim FC St. Pauli auch für das Schuhwerk der Profis verantwortlich. Wie hat man sich das vorzustellen – 200 Schuhe in einem Raum, der Traum schlechthin für jeden Bootnerd?

Das kommt schon hin, ja. Aber für jeden, der es nicht so mit Farben hat, ist das auch ein großes Problem. Mittlerweile ist wirklich alles, was man sich farblich an Füßen auf diesem Planeten vorstellen kann, vertreten. Allerdings bin ich nicht dafür verantwortlich, dass die Schuhe sauber und funktionell in Schuss sind, sondern eher für den dauerhaften Bestand, damit jeder ausgerüstet ist für das Training oder ein Spiel.

Sind da neben Schuhen der großen Brands auch Exemplare von Pauli-Ausstatter hummel dabei?

Da sind selbstverständlich auch hummel-Schuhe dabei. Es gibt auch Spieler, die immer wieder explizit hummel tragen: Der Schuh eines Fußballers ist eben sein wichtigstes Handwerkszeug und dementsprechend sind alle Spieler bei diesem Thema sehr, sehr sensibel. Es ist nicht das Einfachste, jemanden von seiner Marke, die er vielleicht schon in der Kindheit gespielt hat, wieder abzubringen, wenn die einigermaßen vernünftig performed. Aber es ist durchaus möglich – und hummel versucht wirklich alles, die Profis davon zu überzeugen, ihre Schuhe zu tragen.

Was macht hummel als Ausrüster für einen Verein wie St. Pauli besonders und attraktiv?

hummel ist seit 1923, also einer gefühlten Ewigkeit, im Sport aktiv und weiß damit genau, was Leistungssportler für Kleidung tragen und welche Funktionalität gefragt ist. Sie sind aber auch im Modesektor sehr gut vertreten, haben also ein Auge dafür, was gerade angesagt ist. Wenn man das alles verbindt, bekommt man ein vernünftiges Produkt. hummel ist ja keine No-Name-Brand, die gerade erst auf den Markt kommt, die gibt’s ja schon so lange wie den FC St. Pauli. Man sucht sich seine Partner schließlich gegenseitig aus, um dann eine gute Ehe einzugehen. Natürlich ist hummel im Fußball-Sektor nicht die Nummer eins am Markt, genauso wie der FC St. Pauli kein Champions-League-Sieger ist. Aber wir bedienen beide eine Nische, die sich sogar recht ähnlich ist.

Und St. Pauli ist bis heute Weltpokalsiegerbesieger.

Ja, wir sind bis heute Derbysieger und Weltpokalsiegerbesieger. Für beides gab es keine offiziellen Titel, aber dafür hat’s auf jeden Fall gereicht. Und hummel sucht sich seinen Bereich. Beide transportieren ein gewisses Lebensgefühl, das sie ausmacht, und damit gibt es tatsächlich viele Parallelen.

Im vergangenen Sommer gab es einen Trikot-Launch mit 800 Zuschauern – damit kommen auch Aufgaben auf einen Verein zu, die es so vor fünf bis zehn Jahren noch gar nicht gab, weil dem Trikot früher keine eigene Zeremonie gewidmet wurde. Empfinden Sie das als Hype oder eher als gerechtfertigten Prozess für das wichtigste Merch-Produkt?

Der zweite Punkt ist der richtige: Das Trikot hat an Wertigkeit für jeden Verein gewonnen. Früher war ein Trikot nur dazu da, um Spieler zu bekleiden und es wurden ein paar Stück davon verkauft, aber es war noch nicht das starke Produkt von heute. In den letzten zehn Jahren hat sich das deutlich entwickelt, das sieht man auch an den Abverkaufszahlen. Ein Trikot wird nicht nur im Stadion getragen, sondern beim Training im eigenen Fußballverein, unter der Woche auf der Straße oder abends beim Weggehen. Damit ist das Trikot eigentlich zu einem wertvollen Modeprodukt geworden. Früher haben wir eine Pressekonferenz gegeben, bei der das neue Trikot hochgehalten wurde – da saßen der Ausstatter und der Geschäftsführer und ein paar Fotografen. Heute muss man die Leute gar nicht mobilisieren: Die haben Bock darauf, sich das neue Trikot anzuschauen. Sie warten regelrecht darauf: Wie sieht das neue Trikot des FC St. Pauli jetzt wirklich aus? Es wird ja immer spekuliert und jedes Medium, jeder Fan versucht im Vorfeld, dieses Trikot zu bekommen, um eine Exklusiv-Geschichte zu haben.

Im vergangenen September haben die „boys in brown“ zuhause als „boys in white“ gespielt. Was war da los – und was sagt die DFL dazu?

Die DFL hat damit gar kein Problem, weil es zwei offizielle Trikots gibt: ein Heim- und ein Auswärtstrikot. Das kann jederzeit auch anderweitig getragen werden. Wir sind da insofern flexibel, weil wir als Heimmannschaft immer das Recht haben, uns eines auszusuchen. Unter der Woche müssen die Trikotfarben immer wieder beim DFB anmelden, dann gibt’s ein Abstimmungsprozedere mit dem Gastverein. Dass wir die „boys in white“ waren, hat mit Aberglaube zu tun: Die Jungs hatten das Gefühl, dass sie irgendwie in den weißen Trikots besser performen, obwohl wir eigentlich der klassische Braunträgerverein sind – aber es war tatsächlich ungewöhnlich, in den Auswärtstrikot zuhause zu spielen. Da es ein paar Mal funktioniert hat, sind wir allerdings dabei geblieben, bis die Serie gerissen ist. Dann hat auch der Aberglaube ausgedient gehabt.

Wie stark ist der Club einbezogen, wenn es um das Trikotdesign geht? Trefft ihr euch mit hummel-Designer Jason Lee und bringt Wünsche vor?

Der Ausstatter, also hummel, hat den ersten Aufschlag und kommt mit Ideen auf den Verein zu. Anhand dessen fängt man dann an zu diskutieren und versucht, am Ende das beste Produkt daraus zu gewinnen. Der Verein hat ein großes Mitspracherecht – denn wenn wir uns mit dem Trikot nicht wohlfühlen, fühlt sich auch der Ausstatter nicht wohl damit. Wir können nicht auf einmal anfangen, mit einem orangefarbenen Heimtrikot zu spielen, denn das sind nicht unsere Vereinsfarben. Dann gibt’s immer wieder neue Ideen, neue Geschichten, die den Verein irgendwie berühren und sich im Trikot wiederfinden. Und am Ende muss ja auch die DFL dem Ganzen noch zustimmen. Es gibt Regularien, wie viele Farben erlaubt sind, wie unruhig ein Trikot sein darf, welche Embleme enthalten sind.

Gab es denn in der Vergangenheit schon einmal den Clinch zwischen der künstlerischen Freiheit des Designers und dem Verein, der lieber traditionell verbleibt?

Nein, wir sind ja auch als Verein mutig, Probleme gab es da nie und die Ideen lagen selten weit auseinander.

Wie weit ist der Prozess des Trikots für die neue Saison jetzt, Mitte März?

Das Trikot ist eingetütet, das Design von beiden Seiten bestätigt. Im Moment befindet es sich in der Produktion, weil es ja schon spätestens in vier Monaten in einer großen Stückzahl hier in Deutschland sein muss.

In der Vergangenheit haben die St. Pauli-Trikots unter anderem mit einer Glow-in-the-dark-Applikation für Furore gesorgt. Sind solche Features vor allem als Verkaufsaspekt interessant?

Klar, in erster Linie ist uns wichtig, dass die Funktionalität stimmt und dass es den Leuten gefällt. Und natürlich soll es auch gute Abverkaufszahlen nach sich ziehen. Glow-in-the-dark ist ein nettes Spielelement, das Spaß macht und über das man eine gute Geschichte erzählen kann. Beim Tragen kann sich das aber nur relativ schwierig wieder finden, weil es ja äußerst selten passiert, dass man mit dem Trikot erst in grellem Licht und dann in der schwarzen, cleanen Nacht steht.

Wie wichtig ist das Feedback der Profis, was das Design der Trikots angeht?

Weil das Trikot vom Torwart eine Sonderrolle hat, gibt es da schon ein Gespräch über die Farben, aber beim normalen Trikot sind die Spieler vor allem in Sachen Performance gefragt. In diesem Jahr sind wir total zufrieden, weil der Stoff hervorragend ist – auch, weil sich die Spieler da eingebracht haben, lange, bevor das Design umgesetzt wurde. Aber hummel weiß natürlich auch, was man als Verein braucht.

Undiplomatisch gefragt: Auf was für ein Trikot dürfen wir uns in der nächsten Saison beim FC St. Pauli freuen?

Es wird wieder ein Trikot sein, das perfekt zum Club passen wird. Es ist alles drin und dran, was uns ausmacht – ich kann, darf und will noch nicht weiter undiplomatisch ins Detail gehen.

Fotos: Facebook / St. Pauli